EDM – Das Ende der Menschheit?

Wenn man sich mit ein paar DJ-Kollegen unterhält und man so liest, was andere Kollegen in die Presselandschaft absondern, dann könnte dieser Eindruck entstehen, daß das Ende der Menschheit kurz bevor steht, oder aber zumindestens der Untergang des Abendlandes. Man könnte meinen, ein fieser Virus namens EDM würde sich, wie in einem zweitklassigen RTL-Eventkino-Film, ausbreiten und nach und nach die gesamte Zivilisation ausrotten.
Aber worum geht es eigentlich? Es geht darum, dass House & Electro im Mainstream angekommen sind und unter dem Begriff EDM weltweit riesen Erfolge feiern. Es geht darum, dass eben diese EDM-Tracks mittlerweile in den offiziellen Charts in die Top10 einsteigen und mittlerweile auch in der letzten Dorfdisko angekommen sind. Und es geht darum, dass seit einiger Zeit der typische Reflex derer eingesetzt hat, die sich mit eben dieser Musikrichtung schon Jahre bevor sie zum Trend wurde beschäftigt haben. Auch wenn sie genau die waren, die EDM als DJ und Geburtshelfer in den Clubs etabliert haben, wird jetzt die ganze Sparte als Geballer, Kommerzschrott und Kiddiemusik abgetan. “So was spielt man doch als cooler DJ nicht im Club”. Bloß übersieht man bei der ganzen Geschichte, dass das Clubpublikum sich genau den Sound oft wünscht.
Natürlich gefällt mir selbst auch nicht alles, was da mittlerweile auf Beatport & Co so zum Kauf angeboten wird. Vieles klingt nach Schema F produziert, getreu dem Motto “Was einmal erfolgreich war, kann auch beim 10. Aufguss nur ein Hit werden”. Aber wenn man ehrlich ist, ist es jeder anderen Sparte der elektronischen Musik, nein sogar bei jeder Sparte der Musik, mittlerweile genauso. Egal ob Deephouse, Techhouse, NuDisco, Garage-House, Pop, Rock, Blackmusic oder whatever, erfolgreiche Songs werden gnadenlos kopiert und ein musikalischen Konzept ausgeschlachtet bis es keiner mehr hören will. Oder wie erklärt man sich sonst die gefühlten 100.000 Deephouse-Remixe von Pophits mit runtergepitchtem Vocal?
Natürlich funktioniert der Sound, der auf großen Festivals für Extase sorgt, selten im Club. Bei Tracks mit gefühlten halbstündigen Breaks, die auf den einen Drop hinarbeiten, schläft das Publikum auf der Tanzfläche ein. Allerdings schläft das Publikum in einem größeren Club genauso ein, wenn es ein DJ den ganzen Abend mit 125-BPM Deephouse, NuDisco und Garagehouse zwangsbeglückt.
Natürlich nervt ein Set, dass nur noch aus Electrogeballer besteht auf die Dauer. Ein DJ-Set sollte wie eine Reise sein. Und ein solche Reise besteht aus Höhen und Tiefen. Allerdings bestehen die Sets vieler Kollegen mittlerweile leider nur noch aus Höhen oder nur noch aus Tiefen.
Natürlich kann das ältere Publikum mit dem EDM-Sound wenig anfangen. Allerdings sind die als Kiddies diffamierten jungen Gäste die Zukunft der Clubs, und die feiern diesen Sound umso heftiger.

Lange Rede, kurzer Sinn: Aufgrund des großen Erfolgs von EDM drängt immer mehr Mainstreampublikum in die Clubs. Viele Gäste, die heute im megacoolen Trend-Club XY feiern, feiern am nächsten Wochenende vielleicht in der Großraumdisko YZ. Deshalb sollte ein gutes DJ-Set nicht nur aus einem festgefahren Style bestehen, sondern gekonnt mit allen Spielarten der elektronischen Musik spielen. Am Ende des Abends sollte der Gast mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass er eine magische Nacht erlebt hat. Dieses Gefühl wird sich allerdings nicht einstellen, wenn der DJ unter Auschließeritis leidet und dem Gast unbedingt musikalisch erziehen will. Oder um es noch kürzer zu sagen: Be open minded!

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